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Montag, 11. November 2019

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ETA-Berechnung für Lkw-Flotten

In den letzten Jahren rückt die Berechnung der voraussichtlichen Ankunftszeit von Fahrzeugen (ETA — Estimated Time of Arrival) immer stärker in den Fokus der gesamten Lieferkette. Entsprechend befinden sich unzählige Lösungen und Dienste am Markt, von denen viele ihr Geld nicht wert sind.

Wenn es darum geht, dem Kunden, dem Auftraggeber oder sich selbst gegenüber überhaupt erst einmal eine grobe Information zur ETA zu liefern, rückt die Wichtigkeit nach der verlässlichen Berechnung meist in den Hintergrund. Doch je umfangreicher die Abhängigkeiten von Transporten innerhalb einer Lieferkette sind, umso wichtiger ist eine verlässliche ETA.

Ungenaue Angaben erhöhen den Frust der Person(engruppe), der die ETA genannt wird. Somit erreicht man mit einer ungenauen ETA schneller als man denkt das genaue Gegenteil von dem, was man mit der ETA eigentlich erreichen wollte.

Eine verlässliche ETA bedeutet u.a.:

  • Erhöhung der Servicequalität
  • Erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit bei unerwarteten Vorkommnissen
  • Bessere Planbarkeit der laufenden und nachfolgenden Touren und somit Reduzierung der Logistikkosten

Eine ungenaue ETA bedeutet:

  • Senkung des Vertrauens beim Kunden/Auftraggeber durch eine kommunizierte Servicequalität, die dann nicht eingehalten wird
  • Disponenten und Fahrer, die die Angaben ignorieren und in Prozesse zurückfallen, die man eigentlich verbessern wollte
  • Unnötiger Verbrauch von Zeit durch Reaktionen auf Vorkommnisse, die letztendlich für die Tour nicht relevant gewesen wären oder durch ausbleibende Reaktionen, da das Vorkommnis nicht bekannt war

Von ungenau bis verlässlich

Ungenau und verlässlich lassen sich im Straßenverkehr natürlich nicht klar definieren. Letztendlich kommt es darauf an, mit welcher Wahrscheinlichkeit die berechneten Zeiten mit der Realität übereinstimmen. Je weniger Daten für die Berechnung herangezogen werden, umso unwahrscheinlicher ist die exakte Berechnung einer ETA — im Folgenden als „ungenaue ETA“ bezeichnet. Werden hingegen viele zusätzliche Daten berücksichtigt, werden die ETA Angaben immer wahrscheinlicher und somit verlässlich.

OSM und Google — nichts für Lkw-Flotten

Die ETA-Berechnung in ihrer einfachsten Form ist fast so alt wie die Berechnung einer Route von A nach B. A stellt dabei die Position des Fahrzeugs und B das Ziel dar. Berechnet man nun die benötigte Zeit für die Fahrt von A nach B, ergibt sich aus der Startzeit der Berechnung plus die Fahrzeit von A nach B die ETA.

Wird diese Berechnung auf Basis von Kartenmaterial von OpenStreetMap oder Google getätigt, berechnet man die Zeit auf einem ungeeigneten Fahrzeugprofil (Pkw oder bestenfalls verlangsamter Pkw). Fahrzeugrestriktionen wie zulässiges Gesamtgewicht, Achslast, Breite, Höhe, Gefahrgutklasse, etc. werden nicht berücksichtigt. Dies kann zu einer vollständig anderen Streckenberechnung für den Weg von A nach B führen und somit zu einer grob von der Realität abweichenden ETA. Erschreckenderweise ist diese Methode der Berechnung die aktuell am weitesten verbreitete Methode.

Bild: iStock

Verlässlicher mit „Lkw-Karten“

Wird bei der zuvor genannten Methode als Basis das Kartenmaterial von HERE oder TomTom bzw. die speziell für die Logistik veredelten HERE- oder TomTom-Karten der PTV verwendet, kommt es darauf an, ob der Anbieter der ETA Lösung auch die entsprechenden Zusatzdaten (Lkw-Attribute) mit einbezieht. Erfolgt dies, werden zumindest korrekte Routen berechnet. Die ETA ist damit genauer, jedoch noch lange nicht verlässlich.

Hinweise zum Kartenmaterial: Natürlich gibt es neben den bisher genannten noch etliche weitere Anbieter von Kartenmaterial und ‑diensten. Diese setzen aber in der Regel alle auf den genannten Anbieter auf und bauen eigene Dienste um dieses Kartenmaterial herum. Darüber hinaus gibt es noch etliche regionale Kartendatenanbieter, die im europäischen Markt aber keine relevante Rolle spielen und daher hier nicht genannt werden.

Es geht noch besser

Um die Vorhersage der ETA noch weiter zu verbessern, können Verkehrsinformationen (aktuelle und/oder historische, inkl. relevanter Verzögerungen durch Wetterereignisse) in der Berechnung berücksichtigt werden. Hierbei ist darauf zu achten, dass die Verkehrsinformationen intelligent eingebunden sind. Im Fernverkehr ist z.B. ein Stau bei Frankfurt nicht relevant, wenn das Fahrzeug erst auf der Höhe von Hannover fährt. Bis das Fahrzeug Frankfurt erreicht, hat sich der Stau in der Regel längst aufgelöst. Sollten weit entfernte Ereignisse wie Staus o.ä. dennoch sofort in der ETA berücksichtigt werden, wird für die Dauer des Ereignisses eine mit hoher Wahrscheinlichkeit falsche ETA berechnet.

Lenk- und Ruhezeiten — in vielen Fällen ein K.o.-Kriterium

Sind Lenk- und Ruhezeiten für Sie relevant? In den meisten Fällen wahrscheinlich schon. Dann bringen Ihnen die zuvor beschriebenen Methoden alle wenig, sofern diese keine Tachographen-Anbindung haben und/oder die verwendete Telematik (ggf. auch Telematik-App) die Lenk- und Ruhezeiten nicht zur Berechnung einer ETA bereitstellt. Ist diese Anbindung nicht vorhanden, kann es schnell passieren, dass das Fahrzeug nur noch 30 Fahrminuten bis zum Ziel benötigt, durch eine notwendige Pause des Fahrers aber in der Realität 1 Stunde und 15 Minuten unterwegs ist.

Nach der Pflicht kommt die Kür — ETA über den Einzelstopp hinaus

Die bisher dargestellten Punkte beschreiben die ETA zum nächsten Stopp. Die Berechnung der ETA einer ganzen Tour ist etwas komplexer, erfordert aber letztendlich „nur“ die intelligente Aneinanderreihung von verlässlichen Fahrzeiten der nächsten Stopps, ergänzt um Be‑, Entlade- und Servicezeiten.

Richtig gut — für diejenigen, die entsprechende Verkehre nutzen — sind ETA Lösungen aber erst, wenn auch die nachfolgenden Punkte ebenfalls berücksichtigt werden.

Bild: iStock

Fahrzeug-Wiedereinsatz — die Tour nach der Tour

In vielen Bereichen der Logistik werden Fahrzeuge mehrmals am Tag eingesetzt. Wenn sich hier auf einer Tour Verzögerungen ergeben, haben diese natürlich auch Auswirkungen auf die nachfolgenden Touren. Nur ETA-Lösungen, die alle Touren kennen, können hier korrekt warnen und frühzeitig kostensparende Eingriffe, Korrekturen und Optimierungen ermöglichen bzw. nachfolgende Teilnehmer der Lieferkette informieren.

Begegnungsverkehre / Aufliegertausch

Auch beim Tausch von Aufliegern kommt es darauf an, ob die eingesetzte ETA-Lösung die Tour(en) beider Zugmaschinen kennt. Ist dies der Fall, kann die Verspätung eines Tauschpartners dem anderen Tauschpartner kommuniziert werden und die daraus resultierende Auswirkung bei beiden Touren berücksichtigt und minimiert werden. Ein echter Kostenvorteil – aber eben nur, wenn die ETA auf beiden Seiten verlässlich berechnet wird.

Cross Docking

Durch den hohen Kostendruck und der Erwartungshaltung der Empfänger nach einer schnellen Lieferzeit, gibt es immer mehr Cross Docking-Verkehre. Ähnlich wie beim Aufliegertausch hat die Verspätung der zubringenden Verkehre einen hohen Einfluss auf die nachfolgende Lieferkette. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass gleich mehrere weiterführende Fahrzeuge/Touren von der Verspätung eines zuliefernden Fahrzeugs betroffen sein können. Eine verlässliche ETA, die zu einer frühzeitigen Erkennung einer Verspätung führt, ist bei Cross Docking-Verkehren daher besonders wichtig.

Wie genau muss es sein?

Wie genau eine ETA für Sie sein muss, sollte durch die Art Ihrer Transporte definiert werden. Je weniger Sie von Lenk- und Ruhezeiten, Wiedereinsatz der Fahrzeuge, Begegnungsverkehren, Aufliegertausch, usw. betroffen sind, umso weniger relevant ist die Berechnung dieser Faktoren. Sollten Sie allerdings von den meisten dieser Faktoren betroffen sein, sollten Sie nach einer Lösung schauen, die möglichst viele der genannten Methoden berücksichtigt. Die entsprechenden Lösungen kosten zwar in der Regel etwas mehr als einfache Lösungen, sind Ihr Geld aber auf jeden Fall wert. Denn nur mit einer für Sie relevanten verlässlichen ETA erreichen Sie das Ziel der Steigerung Ihrer Servicequalität, der schnelleren Reaktionszeiten auf unvorhergesehene Einflüsse und somit der besseren Planbarkeit Ihrer laufenden und nachfolgenden Touren. Dies spart signifikant Geld, Zeit und Nerven.

Dieser Beitrag ist originär im Oktober 2019 bei LinkedIn Pulse veröffentlicht worden.

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